28.04.2026

Am 25. März 2026 luden zum vierten und letzten Mal das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) und das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE zum Nationalen Forum Agri-PV ein. Die Veranstaltung fand diesmal im Fraunhofer ENIQ auf dem EUREF-Campus in Berlin-Schöneberg statt.
Inhaltlich lag der Schwerpunkt des Vierten Nationalen Forums Agri-PV auf den Themen:
- Marktentwicklung und Rechtsrahmen von Agri-PV,
- Praxisberichte aus der Landwirtschaft und den Kommunen,
- Aktuelle Ergebnisse und Erfahrungen aus der Forschung und dem Versuchswesen,
- Umwelt, Bewirtschaftung und Energiemanagement.
Als erstes stellten
Carl Pump (Universität Greifswald) und
Dr. Salome Hauger (Fraunhofer ISE) aktuelle Informationen zur Marktentwicklung von Agri-PV in Deutschland sowie die Ergebnisse einer Potenzialanalyse vor. Demnach wurden in den letzten Jahren viele neue Agri-PV-Anlagen errichtet und mit Stand Juni 2025 95 Anlagen in einer Datenbank erfasst. Das entspricht etwa 390 MWp installierter Leistung und 1.210 Hektar Fläche. Von den 95 sind 47 Overhead-Systeme und 28 Interspace (vertikale Anlagen). Die räumliche Analyse von Potentialflächen ergab ein technisches Potenzial von 5.600 GWp Agri-PV in Deutschland. Die am besten geeigneten Flächen übertreffen dabei die Klimaziele bis 2030 um das 2,5 bis 3,5-fache.
Chantal Kierdorf und
Dr. Matthias Meier-Grüll (Forschungszentrum Jülich) berichteten über die Wirtschaftlichkeit speziell von kleinen Agri-PV-Anlagen (maximal 2 Hektar) im Rheinischen Revier. Die vertikale Agri-PV erwies sich dort als rentabler als die hoch-aufgeständerte. Mit dem Fokus auf die geringeren Investitionskosten sind jedoch die Freiflächen-PV sowie größere Agri-PV-Anlagen u. a. durch Skaleneffekte wirtschaftlich im Vorteil. Beide betonten, dass wirtschaftliche Betrachtungen von verschiedenen Anlagensystemen immer sehr projekt- und standortspezifisch seien.
In dem Vortrag von
Paula Friedrich (Hochschule Kehl) ging es um die Folgen der teilweisen Verfahrensfreiheit für Agri-PV-Anlagen, die in einzelnen Bundesländern baurechtlich unterschiedlich umgesetzt wird. Durch die Verfahrensfreiheit liegt die Verantwortung, alle notwendigen Genehmigungen einzuholen, stärker bei den Bauherren oder der Bauherrin, da keine Überprüfung der Einhaltung aller Voraussetzungen durch Baugenehmigungsbehörde mehr erfolgt. Für den Fall von Verstößen gegen die Voraussetzungen, besteht potenziell das Risiko, dass Abrissverfügungen erlassen werden. Insgesamt schaffe die Situation eher Unsicherheit bei der Planung, erhöhe den Aufwand und Beratungsbedarf bei Vorhabenträger/innen. Dem kann durch die Beantragung eines umfassenden Baubescheids begegnet werden.
Agri-PV-Projekte, die durch Landwirte umgesetzt wurden, waren Teil des zweiten Vortragsblocks mit den Praxisberichten.
Franz Obermayer, Ökolandwirt aus Kirchweihdach (BAY), stellte sein Modellprojekt für nachhaltige Landwirtschaft und erneuerbare Energie vor: eine vertikale Agri-PV-Anlage, zwischen der ökologisches Getreide angebaut und gleichzeitig Solarstrom gewonnen wird. Innovativ ist das Projekt durch einen 1,2 MWh Speicher, der den in der Anlage gewonnenen Strom zwischenspeichert und bedarfsgerecht abgibt. Zusätzlich funktioniert die Solaranlage noch als Lärmschutzwand zur angrenzenden Bahntrasse.
Das zweite Praxisbeispiel kam aus Baden-Württemberg. Hier hat
Severin Batzill (Ökolandwirt aus Schlier) mit lokalen Partnern in einem dreijährigen Planungs- und Bauprozess eine nachgeführte Anlage sowie einen Batteriespeicher errichtet. Seiner Erfahrung nach nimmt der Bewirtschaftungsaufwand in dem Ackerbaubetrieb mit der Anlage etwas zu und die Kulturauswahl und die Fruchtfolgen sind begrenzter als ohne Anlage. Sein Fazit lautet: Wenn ein Landwirt am Erfolg der Anlage partizipiert, nimmt er auch mehr Rücksicht auf die Belange der Anlage. Daher ist bei ihm, die landwirtschaftliche Produktion betriebswirtschaftlich signifikant untergeordnet. Dennoch sieht er in der Agri-PV keine Verdrängung, sondern eine Förderung der lokalen, bäuerlichen Landwirtschaft.
Ebenfalls aus Baden-Württemberg kam
Sabine Barden (Referentin für Klimaschutz und Klimaanpassung im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald), die ein Stimmungsbild aus der ländlich geprägten Region mitbrachte. Am Beispiel von vier Vorhaben zeigte sie auf, wie unterschiedlich die Sichtweisen in den Gemeinden vor Ort und bei einzelnen Akteursgruppen sind. Während in der Stadt Neuenburg am Rhein eine proaktive Planung für Solaranlagen stattfindet und in Löffingen eine große Agri-PV-Anlage mit Bürgerbeteiligung erfolgreich umgesetzt wurde, ist in einer anderen Kommune ein Projekt wegen Belangen des Tourismus und des Landschaftsbildes gescheitert.
Nach der Mittagspause ging es dann mit dem dritten Themenblock zu Umwelt, Bewirtschaftung und Energiemanagement weiter.
Rhea Pöter (Fraunhofer ISE) und
Prof. Dr. Bellingrath-Kimura (ZALF und Mitglied in der Kommission Bodenschutz im Umweltbundesamt), gaben Tipps zum Bodenschutz in Agri-PV-Anlagen vor, während und nach dem Bau. Wichtig sei bei der Standortwahl die Bodenart und die Erfahrungen der Landwirtinnen und Landwirte zu berücksichtigen, ein Bodenschutzkonzept zu erstellen und die Einhaltung der vereinbarten Maßnahmen durch die beteiligten Firmen zu überwachen. Ihr Resümee lautete: Prävention ist kostspielig, Rekultivierung ist es auch!
In dem darauffolgenden Beitrag referierte
Prof. Dr. agr. Karl Wild (HTW Dresden) zum Landmaschineneinsatz in Agri-PV-Anlagen im Ackerbau. Ausgangspunkt seiner Betrachtung waren die heutigen Agrarstrukturen mit großen Schlägen und leistungsstarken Landmaschinen. In den Agri-PV-Anlagen besteht die Herausforderung darin, dass die Landmaschinen zwischen die Modulreihen passen und präzise arbeiten müssen sowie die Stromproduktion nicht beeinträchtigen dürfen. Benötigt würden neue Fahrstrategien bei Bodenbearbeitung, Saat, Düngung, Ernte etc. sowie die Nutzung von GPS. Durch gute Anlagenplanung, die sich an der Bewirtschaftung und typischen Arbeitsbreiten orientiert sowie technische Anpassungen bei vorhandenen Geräten und Fahrzeugen funktioniere die maschinelle Bewirtschaftung in den Agri-PV-Anlagen aber. Autonome Systeme können zukünftig eine Rolle bei der Bewirtschaftung spielen.
Zu dieser Einschätzung kam auch
Malte Stöppler vom Technologie- und Förderzentrum im Kompetenzzentrum für Nachwachsende Rohstoffe (TFZ). In seinem Vortrag. stellte er die Agri-PV-Demonstrationsanlagen in Grub vor und teilte seine Erfahrungen und Erkenntnisse zur landwirtschaftlichen Produktion. Demnach bestehen Herausforderungen bei Bewirtschaftung und Ernte in allen drei Anlagen-Systemen (hochaufgeständert, vertikal, nachgeführt), diese sind aber lösbar. Die anspruchsvollere Bewirtschaftung sei beispielsweise mit gutem, erfahrenem Personal machbar.
Einblicke in den Obstbau gab den Teilnehmenden des Forums
Burghard Hein von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg. Er sprach über das betriebliche Energiemanagement und den Maschineneinsatz auf dem Obstversuchsgut Heuchlingen. Überschüsse aus der Solarerzeugung werden hier im Kühlhaus und für die Heizung verwendet. Erste Erfahrungen mit E-Traktoren konnten bereits gesammelt werden. Weitere elektrisch betriebene Fahrzeuge, Maschinen und Kleingeräte werden noch in Nutzung genommen. Eine Besonderheit am Standort Weinsberg ist die Planung eines kleinen Pumpspeicherwerks statt eines Batteriespeichers, um den erzeugten Solarstrom zu speichern.
Im Anschluss an die vielen spannenden Vorträge fand die
Podiumsdiskussion mit ausgewählten Referenten und Referentinnen zu der übergeordneten Frage statt, wie es mit der Agri-PV in Deutschland weitergeht. Besprochen wurden bestehende Herausforderungen und förderliche Rahmenbedingungen für die erfolgreiche Nutzung von Agri-PV durch Landwirte und Landwirtinnen, zukünftige technische und gesellschaftliche Entwicklungen sowie Forschungsbedarfe. Hier gab es für die Veranstaltungsgäste eine weitere Gelegenheit, Fragen zu stellen, ihre Erfahrungen zu teilen oder ihre Meinung zu äußern.
Kurz vor dem Ende des Forums hatte der Verband für nachhaltige Agri-PV die Gelegenheit seine Arbeit vorzustellen.
Sascha Krause-Tünker (Vorstand des VnAP) kündigte außerdem an, dass der Verband das Nationale Forum Agri-PV nach dem Ende des Forschungsprojektes SynAgri-PV fortführt und verstetigt. Da den Nationalen Foren Agri-PV in den letzten Jahren großes Interesse entgegengebracht wurde und bei vielen Akteuren in der Agri-PV Community der Wunsch nach weiterem Austausch und Diskussion auf Bundesebene besteht, wird der Verband das fünfte Forum voraussichtlich im Herbst 2027 ausrichten.
Rund 100 Gäste, darunter Akteure und Verbände aus Land- und Energiewirtschaft, Naturschutz, Kommunen und Planung und Vertreterinnen und Vertreter aus Ministerien und Bundesbehörden, Politik sowie Wissenschaft und Forschung lauschten den Vorträgen, brachten sich in die Podiumsdiskussion mit ein. Sie nutzten die Veranstaltung, um sich über Forschungsergebnisse und praktische Erfahrungen zu informieren und untereinander zu vernetzen. Die interaktive Mittagspause mit einer Posterausstellung und einem Video zu dem Agri-PV-Demonstrator boten dafür den geeigneten Rahmen.
Förderhinweis:
Ausgerichtet wurde das Event im Rahmen des Forschungsprojektes „SynAgri-PV: Synergetische Integration der Photovoltaik in die Landwirtschaft als Beitrag zu einer erfolgreichen Energiewende – Vernetzung und Begleitung des Markthochlaufs der Agri-PV in Deutschland“. Das Projekt SynAgri-PV erhält Fördermittel des
Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR).
Projektpartner:
- Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) (Koordination)
- Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) (Koordination)
- Universität Hohenheim
- Becker Büttner Held Rechtsanwälte Wirtschaftsprüfer Steuerberater PartGmbB
- Stiftung Umweltenergierecht
- Elysium Solar GmbH
- Bosch & Partner GmbH
- Hochschule Kehl
- Zwei assoziierte Landwirtschaftsbetriebe: Fabian Karthaus und Hofgemeinschaft Heggelbach
Infomaterial und weiterführende Informationen zum Projekt:
Beitrag auf dem querFELDein-Blog:
Projekt „SynAgri PV“ bringt Agri Photovoltaik raus aus der Nische