12.08.2026

Eine neue wissenschaftliche Übersichtsstudie zeigt, welche Baumarten in Agroforstsystemen in den Tropen am häufigsten angebaut werden und wofür sie genutzt werden. Die Forschung wurde im Fachjournal "Trees, Forests and People" veröffentlicht und zeigt, dass Obstbäume für den Eigenverbrauch die häufigste Nutzung darstellen. Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) hat die Studie geleitet.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben 254 wissenschaftliche Studien aus den Jahren 1980 bis 2025 ausgewertet und dabei 3.285 verschiedene Agroforst-Baumarten identifiziert. Agroforstsysteme sind eine Form der Landnutzung, bei der Bäume gezielt zusammen mit Feldfrüchten oder Tieren auf derselben Fläche bewirtschaftet werden. Die höchste Artenvielfalt wurde in Nord- und Zentralamerika mit 738 Arten festgestellt, gefolgt von Ostafrika mit 519 Arten und Südamerika mit 483 Arten. Besonders auffällig: Etwa 66 Prozent der analysierten Studien wurden erst seit 2016 veröffentlicht, was auf ein wachsendes Forschungsinteresse an diesem Thema hinweist.
Die 20 am häufigsten untersuchten Baumarten in allen tropischen Regionen sind Mango, Avocado, Guave, Papaya, Orange, Grevillea, Leucaena, Gliricidia, Kapokbaum, Jackfrucht, Zitrone, Neem, Kaffee, Feigenbäume, Cashewnüsse, Stachelannone, Eukalyptus, Kokospalme, Ölpalme und Moringa.
Nahrung und Energie stehen im Vordergrund
Die Analyse zeigt deutlich, wofür die Bäume hauptsächlich genutzt werden: 32,7 Prozent der Baumarten dienen der Obst- und Nahrungsmittelproduktion für den Eigenverbrauch, 15,9 Prozent werden als Brennholz und für Holzkohle verwendet, und 13,7 Prozent bieten Schatten für andere Kulturpflanzen. Diese Zahlen unterstreichen, dass Agroforstsysteme vor allem der Sicherung der Lebensgrundlagen lokaler Gemeinden dienen.
Dr. Apollinaire William vom ZALF, Erstautor der Studie, erklärt: "Unsere Ergebnisse zeigen, dass Bäume in Agroforstsystemen hauptsächlich für Obst und Nahrung, Brennholz und Schatten genutzt werden. Das unterstützt die lokalen Lebensgrundlagen direkt. Besonders interessant ist, dass Obstbäume für den Eigenverbrauch am häufigsten vorkommen."
Einheimische Arten sind ungleich verteilt
Ein wichtiger Befund der Studie betrifft den Anteil einheimischer Baumarten: Während in tropischen Regionen Asiens und Amerikas viele der häufig genutzten Agroforst-Bäume einheimisch sind, dominieren in Afrika – besonders in Ost- und Westafrika – eingeführte Arten. Ausnahmen bilden Hausgärten sowie Kaffee- und Kakaosysteme, wo einheimische Arten häufiger vorkommen.
In Ruanda beispielsweise beträgt der Anteil einheimischer Arten in Hausgärten nur 61 Prozent – der niedrigste weltweit dokumentierte Wert. In Kaffee-Schattensystemen liegt er bei 64 Prozent. In anderen Agroforstsystemen ohne spezifische Schattennutzung ist der Anteil noch geringer. Zum Vergleich: In Uganda enthalten Kaffeesysteme etwa 57 Prozent einheimische Schattenbäume.
Warum diese Forschung gesellschaftlich relevant ist
Agroforstsysteme bedecken weltweit schätzungsweise 1,6 Milliarden Hektar, wobei etwa 78 Prozent davon in den Tropen liegen. Sie spielen eine zentrale Rolle bei der Anpassung an den Klimawandel, besonders für kleinbäuerliche Betriebe. Die Systeme können helfen, Landdegradation umzukehren, Bodenfruchtbarkeit und Kohlenstoffspeicher zu verbessern sowie Arbeits- und Chemiekosten zu reduzieren.
Die Studie ist im Kontext der UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen (2021-2030) besonders relevant. Initiativen wie die Bonn Challenge zielen darauf ab, bis 2030 weltweit 350 Millionen Hektar degradiertes Land wiederherzustellen. In dicht besiedelten afrikanischen Ländern konzentrieren sich die Bemühungen hauptsächlich auf das Pflanzen von Bäumen auf landwirtschaftlichen Flächen durch Agroforstsysteme.
Unterschiede zwischen den Systemen
Die Forschung unterscheidet drei Kategorien von Agroforstsystemen: schattenbasierte Systeme (Kaffeeplantagen, Hausgärten) und nicht-schattenbasierte Systeme. Hausgärten sind spezielle Agroforstsysteme in der Nähe von Wohnhäusern mit hoher Pflanzenvielfalt, die hauptsächlich für den Eigenverbrauch bewirtschaftet werden. Schatten-Kaffeesysteme sind als Rückzugsorte für die Erholung der Biodiversität gut dokumentiert.
Die Analyse zeigt, dass schattenbasierte Agroforstsysteme einen höheren Anteil einheimischer Baumarten aufweisen als andere Systeme. Globale Muster zeigen folgende Anteile einheimischer Arten in Hausgarten-Systemen: Westafrika 89 Prozent, Südafrika 83 Prozent, Südostasien 71 Prozent, Südasien 89 Prozent, Südamerika 75 Prozent, Nord- und Zentralamerika 89 Prozent und Ostafrika 66 Prozent.
Stickstofffixierende Bäume als wichtige Partner
Die Studie zeigt zudem, dass stickstofffixierende Baumarten häufig mit Obstbäumen kombiniert werden, besonders in Hausgärten und Kaffeepflantagen. Diese Bäume verbessern die Bodenfruchtbarkeit und reduzieren den Bedarf an synthetischen Düngemitteln. In Ruanda werden beispielsweise Avocado, Mango, Zitrusfrüchte und Guave mit Arten wie Alnus acuminata, Calliandra calothrysus und Erythrina abyssinica kombiniert.
Herausforderungen und Chancen
Die Dominanz eingeführter Arten in vielen afrikanischen Agroforstsystemen lässt sich nicht allein auf aktuelle Präferenzen der Landwirtinnen und Landwirte zurückführen. Historische Faktoren spielen eine Rolle: Während der Kolonialzeit und in der Zeit danach wurden schnell wachsende exotische Arten wie Grevillea robusta und Eukalyptus aktiv als günstige, ertragreiche Quellen für Holz, Brennholz und Pfosten gefördert.
Gleichzeitig können eingeführte Arten wichtige Funktionen für Einkommen, Energie und Ernährungssicherheit erfüllen. Schnell wachsende exotische Holz- und Brennholzarten sind oft die Hauptquelle für Pfosten und Feuerholz und tragen zur Energie-Selbstversorgung der Haushalte bei.
Was bedeutet das für die Zukunft?
Die Ergebnisse legen nahe, dass die Förderung nachhaltigerer Mischungen aus verschiedenen Arten, einschließlich einheimischer Arten, in degradierten landwirtschaftlichen Gebieten außerhalb von Hausgärten und Cash-Crop-Systemen vorteilhaft sein könnte. Die höchste Agroforst-Baumvielfalt findet sich in tropischen Regionen in der Nähe von größeren natürlichen Wäldern.
Die Einrichtung von Baumschulen und die Stärkung von Agroforst in landwirtschaftlichen Landschaften nahe natürlicher Wälder könnten die Konservierung des Keimguts einheimischer Arten sicherstellen und ihre Verbreitung in andere benachbarte Landschaften erleichtern. Dies ist besonders wichtig, da ländliche Gemeinden oft nur begrenzten Zugang zu Waldressourcen haben.
Weitere Forschung ist notwendig, um zu untersuchen, ob weit verbreitete generalistische Baumarten die Ökosystemfunktionen von einheimischen Arten unter zukünftigen Klimabedingungen teilweise ersetzen können, ohne die Biodiversität zu gefährden. Zudem sollten Studien die sozialen und ökologischen Eignungen tropischer Agroforst-Baumarten across verschiedenen agroökologischen Zonen untersuchen, um Landschaftsrestaurierungsrichtlinien besser zu informieren.
Empfehlungen für die Praxis
Auswahl der Bäume sollte sich an ihrer ökologischen Anpassungsfähigkeit an lokale Bedingungen, den vielfältigen Bedürfnissen der lokalen Gemeinden und ihren ökologischen Vorteilen orientieren. Es braucht regionale Listen einheimischer Arten, die auf lokalen Ökosystemleistungen, dem Farmtyp und Klimatauglichkeit basieren und mit zukünftigen Eignungskarten aktualisiert werden.
Für die politische Unterstützung empfehlen die Forschenden, dass politische Rahmenbedingungen ausreichende Finanzierung und technische Unterstützung für Forschung und Beratungsdienste bereitstellen sollten. Dies hilft Landwirtinnen und Landwirten, Agroforstsysteme auf Basis einheimischer Arten optimal zu gestalten und so Produktivität und Rentabilität zu maximieren. Direkte Anreize wie Steuererleichterungen oder Umlauffonds für das Pflanzen von Bäumen und die Pflege der damit verbundenen ökologischen Vorteile einheimischer Arten könnten die Umsetzung beschleunigen.
Wirtschaftliche Anreize für Landwirtinnen und Landwirte
Aufgrund der hohen Anfangsinvestitionen und finanziellen Risiken beim Aufbau eines wirtschaftlich tragfähigen Agroforstsystems benötigen Landwirtinnen und Landwirte direkte Subventionen und Zugang zu Baumsetzlingen. Ein Umlauffonds zur Unterstützung von Gemeinschaftsgruppen, die sich der Förderung einheimischer Baumarten widmen, ist notwendig, um Agroforst langfristig zu managen und auszuweiten. Zusätzlich können Marktverknüpfungen und Preisaufschläge für Produkte auf Basis einheimischer Bäume das Interesse an Agroforst unter Landwirtinnen und Landwirten stimulieren.
Dr. William, Leiter der Studie am ZALF, betont: „Politische Rahmenbedingungen sollten betonen, Gemeinden wieder mit ihren lokalen einheimischen Baumarten zu verbinden, die multifunktionale Vorteile bieten. Living-Lab-Ansätze, bei denen politische Rahmenbedingungen mit lokalen Akteuren gestaltet werden, und partizipative Versuche, die sich auf das Management einheimischer Arten konzentrieren, sind besonders wichtig – insbesondere in landwirtschaftlichen Landschaften außerhalb von Hausgärten.“
Projektpartner:
- Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF), Müncheberg, Deutschland
- Institut für Ökologie, Fakultät Nachhaltigkeit, Leuphana Universität Lüneburg
- Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE)
- Department für Agrarökonomie, Humboldt-Universität zu Berlin
Förderhinweis:
Diese Veröffentlichung wurde dank finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des Forschungsprojekts 'FOR 5501: Ein sozial-ökologischer Systemansatz zur Information der Ökosystemrestaurierung im ländlichen Afrika' (Projektnummer 496337053) ermöglicht. Open-Access-Finanzierung organisiert und ermöglicht durch Projekt DEAL.