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Wissenschaft als Entwicklungshilfe: Indien im (Klima)wandel

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Extreme Dürren bedrohen schon lange das Leben der Kleinbauern im indischen Odisha. In den letzten Jahren aber nehmen die Naturkata­strophen noch zu. Um Betroffene vor Ort besser zur Selbsthilfe zu befähigen, kann die Wissenschaft eine wichtige Rolle spielen. Vom brandenburgischen Müncheberg aus arbeitet eine Forschergruppe um die indische Doktorandin Anu Susan Sam an Lösungskonzepten für eine der am schlimmsten betroffenen Regionen Indiens.

Die Katastrophe kommt schleichend. Anfangs warten die Menschen im ostindischen Odisha noch auf den Monsun, der normalerweise zwischen Anfang Juni und Ende September Regen über die Felder der Kleinbauern bringt und ihre Erde erblühen lässt. Mit jedem neuen Sonnentag aber schwindet ihre Hoffnung. Immer öfter wird der ausbleibende Regen zur lebensgefährlichen Katastrophe für die indische Landbevölkerung. Dem Zentrum zur Erforschung der Epidemiologie von Katastrophen (CRED) zufolge starben zwischen 1900–2015 etwa 4,25 Millionen Menschen an den Folgen extremer Dürren. Odisha erlebte in diesem Zeitraum 49 Überschwemmungen, 30 Dürren und 11 Wirbelstürme. Der voranschreitende Klimawandel verschärft diesen Trend in den letzten Jahren. Anu Susan Sam, gebürtige Inderin und Doktorandin am Institut für Sozioökonomie des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V., hat gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen jetzt erstmals eine der am schlimmsten betroffenen Regionen Indiens beforscht: Welche Rahmenbedingungen herrschen vor Ort? Was sind Risikofaktoren? Was wird am dringendsten benötigt, wo könnte also Entwicklungshilfe ansetzen? Ihre Erkenntnisse sind nicht nur für die Krisenbewältigung in der Region interessant, sondern enthalten auch wichtige Denkansätze für andere Dürregebiete und den Umgang mit dem Klimawandel in betroffenen Regionen.

Odisha ist einer der ärmsten der 29 indischen Bundesstaaten. Das Leben der Bauern in den Dörfern ist auch ohne Naturkatastrophen von Armut, wirtschaftlicher Rückständigkeit und Ausgrenzung gekennzeichnet. Mehr als 80 Prozent sind Kleinstbauern, bewirtschaften ihre Felder noch so, wie dies von Generation zu Generation überliefert wurde. Ihr einziges Hilfsmittel ist oft der Ochsenkarren. Dünger, Pflanzenschutzmittel und Bewässerung können sie sich oftmals nicht leisten. Sie leben in fensterlosen Lehmhütten mit niedrigen Strohdächern, die Unwettern kaum standhalten. Mehr als 95 Prozent der Haushalte haben weder einen Wasseranschluss noch Toiletten. Durchfallerkrankungen, Allergien, Hauterkrankungen und Erkrankungen der Atemwege sind weit verbreitet. Die meisten Dorfbewohner sind Analphabeten. Während die Söhne mitunter in die Schule geschickt werden, müssen Töchter im Haushalt helfen. Die verheerenden Dürren der letzten Jahre vernichten oft auch noch das letzte Bisschen, was die Menschen an Lebensgrundlage haben. Am schlimmsten ist der Verlust der Ernte. Viele überstehen die bittere Hungersnot nicht.

 

Mangelnde Bildung und Armut sind die größten Risikofaktoren

Um die Situation der traditionellen Kleinbauern in dieser Region fundiert zu untersuchen, hat Anu Susan Sam 157 Haushalte in vier unterschiedlichen Gemeinden befragt. Angaben zur Bevölkerungsstruktur, zum Lebensunterhalt, zur Gesundheit, zu sozialen Netzwerken, zu den physischen, finanziellen und natürlichen Ressourcen sowie zu den Auswirkungen der Naturkatastrophen auf die Familien wurden erfasst. So ist ein Netz aus Informationen zu Risikofaktoren und Wechselwirkungen entstanden.

Bei ihren Untersuchungen fand Anu Susan Sam heraus, dass das Leben dieser Menschen durch den voranschreitenden Klimawandel noch stärker gefährdet wird. Die Menschen in den Dörfern von Odisha haben oftmals keinerlei finanzielle Reserven, sind überwiegend nicht versichert und Hilfsaktionen kommen bei ihnen nur äußerst selten an. Und doch gibt es zwischen den Dörfern winzige Unterschiede. Haushalte, die neben der Feldbearbeitung Kühe, Büffel, Ziegen und Hühner halten, sind weniger anfällig. Familien, die ihre Söhne auf Baustellen, in Fabriken und Restaurants außerhalb des Dorfes schicken können, haben gesicherte Einnahmen. Ein Mindestmaß an gesundheitlicher Versorgung stärkt sie für diese schwierigen Perioden. »Unsere Studien zeigen, dass eine Verbesserung der Gesundheitseinrichtungen, eine ausreichende Wasserversorgung und eine Sicherung der Ernährung die Gefährdung der Menschen durch Naturkatastrophen schon deutlich reduzieren würde«, sagt Anu Susan Sam. »Das Wichtigste aber ist die Alphabetisierung der Menschen, vor allem der Frauen und Mädchen, die oft die Verantwortung für die Ernährung der gesamten Familie tragen. Mit Wissen, z. B. über eine an die klimatischen Veränderungen angepasste Bewirtschaftung ihrer Felder, können sie neue Wege gehen, ihr Schicksal besser selbst bestimmen – im Dorf, aber auch außerhalb.« 

​Diese erste Studie bildet den Auftakt für weitere Forschungsarbeiten in der Region. In einem nächsten Schritt will die ambitionierte Nachwuchsforscherin noch tiefer in die Gesellschaft eindringen: Geplant sind u. a. Untersuchungen zur Rolle der Frau sowie zum Thema Arbeitsmigration.

 

Wissenschaft als Entwicklungshilfe

Anu Susan Sam ist über den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) an das ZALF gekommen und bereits die fünfte Mitarbeiterin aus einem Entwicklungsland, die von Prof. Dr. Harald Kächele, stellvertretender Leiter des Instituts für Sozioökonomie, betreut wird. »Ich bilde Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus, die international Themen wie Klimawandel, Arbeitsmigration und Ernährungssicherheit vor einem wissenschaftlich fundierten Hintergrund ansprechen können. Mit unseren Forschungsarbeiten und Feldstudien vor Ort bieten wir praxisnahe und auch auf andere betroffene Regionen übertragbare Lösungen an. Zurück in ihrer Heimat können die Forscherinnen und Forscher sich dann in Institutionen und Projekten dafür stark machen, dass beispielsweise finanziel​le Mittel dort investiert werden, wo sie tatsächlich auch etwas bewirken.« Das ist Wissenschaft als Entwicklungshilfe.​

 

Infomaterial und weiterführende Informationen:

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