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Die Landwirte der Jungsteinzeit

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Wie haben die Menschen vor 5000 Jahren ihre Lebensmittel ange­baut? Auf der Suche nach Antworten haben sich Brandenburger Wissenschaftler mithilfe von Computersimulationen auf eine Zeit­reise begeben und Erstaunliches entdeckt.​

Die Menschen der Jungsteinzeit, die das Voralpenland zwischen Oberschwaben, Bodensee und den Schweizer Jurahöhen zwischen ca. 4300 und 2500 v. Chr. besiedelten, errichteten Pfahlbauten an den Ufern von Seen und in Niedermooren. Ihre Häuser waren aus Holz und Lehm gebaut, boten Platz zum Schlafen und Kochen, für die Jagd- und Fischfanggeräte und sogar für die Vorratshaltung. Für ihre Ernährung hielten die Menschen damals schon Kühe, Schweine, Schafe und Ziegen, sie jagten Wild und Fisch, sammelten Nüsse, Pilze und Beeren. Bei Ausgrabungen fanden Archäobotaniker auch Spuren von Getreide, Hülsenfrüchten, Flachs und Schlafmohn – Zeugen des Ackerbaus. Wie aber haben sie ihre Felder bearbeitet? Nutzten sie bereits natürliche Dünger, haben sie Unkraut gejätet, waren also Gärtner und Landwirte oder brachen sie immer wieder auf, um ein neues Stück Wald zu roden, abzubrennen und sich so fruchtbares Land zu erschließen? 

Seit Jahrzehnten untersuchen Wissenschaftler der Schweizer Universität Basel das Leben der Menschen in der Jungsteinzeit (Neolithikum). Eine der großen, ungeklärten Fragen: Warum haben die Menschen damals etwa alle 10 bis 25 Jahre ihre Siedlungen an einen anderen Ort verlegt? Reichte der Ertrag der Felder nicht aus, um die Dorfbewohner zu ernähren? Um genauere Antworten auf das »Wie« des Ackerbaus zu finden, wandten sich die Schweizer Forscher an das Institut für Landschaftssystemanalyse des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V. unter der Leitung von Dr. Claas Nendel.

 

Archäobotanik trifft Agrarsimulation

Die Wissenschaftler im Brandenburgischen Müncheberg haben sich darauf spezialisiert, mit Computermodellen Pflanzenwachstum in Abhängigkeit von Boden, Klima, Wasser und Nährstoffen zu simulieren. »Mit MONICA berechnen wir, wie sich der Klimawandel auf den Anbau von Weizen, Mais oder Soja auswirken könnte, ob ein Temperaturanstieg positiv oder negativ für die Ernteerträge ist. Wir entwickeln Modelle für kohlenstoffsparende Anbaumethoden und beraten Ministerien sowie Verbände«, erklärt Dr. Claas Nendel die Arbeit seines Teams. MONICA ist ein Simulationsmodell, das Wissenschaftler vom ZALF entwickelt haben. Immer wieder testen sie das Programm, machen Feldversuche, speisen die Modelle mit Daten und schauen, ob die errechneten Ergebnisse der Realität entsprechen.

»Bisher haben wir mit MONICA Prognosen für die Zukunft der Landwirtschaft gestellt. Eine Zeitreise in die Vergangenheit aber haben wir noch nie gemacht.« Die Wissenschaftler am ZALF begannen, MONICA mit den gesicherten Daten der Schweizer Kollegen zu füttern. Als Untersuchungsobjekt wählten die Forscher Emmer, eine der ältesten bekannten Getreidearten, die auch heute noch vereinzelt angebaut wird. Da sich Emmer in den vergangenen Jahrtausenden kaum durch Züchtung verändert hat, sind Vergleiche mit den heutigen Pflanzen möglich. Klimaexperten bestätigen, dass das Wetter vor 5000 Jahren dem heutigen ähnelte. Der Boden, auf dem Emmer damals angebaut wurde, war mit ziemlicher Sicherheit gerodeter Waldboden. Unter diesen Grundvoraussetzungen ließen die Forscher ihre Computer nun verschiedene Szenarien durchspielen.​​​​ »Wir wollten wissen, wie lange ein Feld fruchtbar gewesen wäre.«

Die erste These: Die Menschen überbrennen die künftige Anbaufläche in einem »Slash-and-burn-Verfahren«, was kurzfristig sehr hohe Flächenerträge ermöglicht. Sie säen und ernten, was auf dem Acker wächst − eine zusätzliche Bodenbearbeitung findet nicht statt. »Schon nach ein bis zwei Ernten wäre der Boden aber so arm an Nährstoffen gewesen, dass sich ein Anbau auf diesen Flächen nicht mehr gelohnt und die Siedler neue Waldflächen mittels Brandfeldbau hätten nutzbar machen müssen.« Die Agrarmodellierer berechnen, dass sich bei dieser Bearbeitungsmethode die Lage der Felder immer weiter vom Siedlungszentrum entfernen würden − nach 25 Jahren bereits um eine Stunde Fußmarsch. »Um satt zu werden, hätten die Menschen ständig umsiedeln müssen«, erklärt Nendel. Gegen diese These sprechen Befunde, die nahelegen, dass nur ein Teil der Siedler tatsächlich umgezogen ist. 

Deshalb untersuchten die Wissenschaftler eine zweite These: Die Felder wurden damals schon intensiv bearbeitet und mit dem Ziel einer längeren Nutzungsdauer von mindestens einigen Jahren bewirtschaftet. »Die Archäobotaniker haben Unkräuter gefunden, die nur auf bearbeiteten Böden wachsen. Die Menschen damals haben auch schon mit Rindermist gedüngt. Unsere Berechnungen zeigen, dass der Mist der vorhandenen Rinder zwar nicht für alle Flächen reichte, aber doch für einige«, erklärt Nendel. Nach dem Durchspiel verschiedener Modelle kristallisiert sich als wahrscheinlichere Variante heraus: Die Menschen im Voralpenland waren schon vor 5000 Jahren strategisch denkende Landwirte. Bei Nutzung der gesamten zur Verfügung stehenden Kenntnisse – Mischanbau mit Erbsen, Düngung mit Rindermist, Einhaltung von Brachzeiten – hätten sie mehrere Dekaden an einem Fleck leben können. Es muss also einen anderen Grund für die Umsiedlungen gegeben haben. 

Die Ergebnisse der Simulationen des ZALF fließen jetzt in die Rekonstruktionsversuche der Schweizer Wissenschaftler ein und tragen dazu bei, das Leben der Menschen aus den Pfahlbauten in der Jungsteinzeit aufzuarbeiten und neue Schlüsse über die Siedlungs- und Landwirtschaftsgeschichte zu ziehen.

 

Infomaterial und weiterführende Informationen:

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© Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V. Müncheberg