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Gemeinsame Sache

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26.03.2019

Gemüse

An den unterschiedlichen Enden der Lebensmittelkette können Menschen viel bewegen, wenn sie sich zusammentun. Ein Forschungsteam hat ausgewertet, warum sich Verbraucherinnen und Verbraucher in alternativen landwirtschaftlichen Netzwerken engagieren – und was sie dabei lernen.

Es ist Frühling. Auf den Höfen der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) im Großraum Berlin, Hamburg, München oder anderswo im Bundesgebiet sind einige Gemüsesorten nicht im Angebot: Es gibt Rosenkohl, Grünkohl und Weißkohl – keine Tomaten, Zucchini oder Gurken. Die Menschen, die über die Solawi-Betriebe ihr Gemüse beziehen, nehmen das in Kauf. Saisonal zu wirtschaften, gehört zum Konzept. Bundesweit arbeiten mehr als 200 Betriebe nach den Prinzipien der Solidarischen Landwirtschaft. Zusammen mit Privatpersonen bilden sie eine Wirtschaftsgemeinschaft. Mitglieder zahlen einen monatlichen Festbeitrag, für den die Betriebe meist wöchentlich einen Teil der Ernte abgeben. In der Regel ist das vor allem Gemüse, manche haben auch Obst, Eier, Milch, Fleisch, Brot oder Käse im Angebot. Eine Win-win-Situation: Die einen erhalten frische und regionale Lebensmittel, die anderen können mit festen Einnahmen rechnen und sind unabhängig von Preisschwankungen und wetterbedingten Ernteausfällen.

„Gerade im Bereich Ernährung entstehen immer mehr alternative Geschäftsmodelle, bei denen Konsumenten und Produzenten in direkten Kontakt kommen“, sagt Dr. Annette Piorr vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF). Sie hat das Forschungsprojekt „Future Food Commons“ (FuFoCo) geleitet, ein Verbundprojekt des ZALF, des Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung ISI und des Unternehmens agrathaer, das sich auf strategische Landnutzung spezialisiert hat. Piorrs Team hat Betriebe der Solidarischen Landwirtschaft unter die Lupe genommen sowie zwei andere weitverbreitete Formen von Netzwerken zur Versorgung mit Lebensmitteln: Selbsterntegärten, die von Landwirtinnen und Landwirten für die Nutzung durch Privatpersonen angelegt werden, sowie Einkaufsgemeinschaften (Food Coops), die Betrieben bei der Verteilung ihrer Produkte helfen. Die Modelle sind Teil der Sharing Economy. Landwirtschaftliche Betriebe werden gemeinsam finanziert: von denen, die sie leiten, und denen, die ihre Produkte beziehen. Ziel des Projekts war es, die Möglichkeiten und Grenzen dieser neuen Netzwerke auszuloten. Dazu wurden unter anderem Mitglieder in alternativen Ernährungsnetzwerken interviewt. „Wir haben die Fragen bewusst offen formuliert, um möglichst viel über die Auffassungen und Werte der Teilnehmenden zu erfahren“, berichtet Felix Zoll vom ZALF. Er wertete die Aufzeichnungen der einstündigen Interviews aus und stieß dabei auf Antworten wie diese: „Wenn man morgens zum Acker fährt, der Wind leicht weht und die Pappelblätter rascheln: Das macht wirklich Spaß, da zu sitzen und in der Erde zu harken“, berichtet der Nutzer eines Selbsterntegartens. In den Interviews stellte sich heraus, dass die Qualität der Lebensmittel für alle Beteiligten wichtig ist. Nicht nur das: „Mitglieder in Solawi-Betrieben und Food Coops äußerten Kritik am bestehenden Landwirtschaftssystem und an den Auswirkungen auf die Natur“, sagt Felix Zoll. „Ihnen geht es darum, umweltschonende Landwirtschaft zu fördern.“ Außerdem gaben die Befragten an, kleine Betriebe unterstützen zu wollen. „Ich denke, dass das wirklich funktionieren kann: Wir ermöglichen dem Landwirt das Arbeiten in kleinbäuerlichen Strukturen und unabhängig vom Markt und tragen die Risiken als Teil der Wirtschaftsgemeinschaft mit“, gab ein Mitglied eines Solawi-Betriebs zu Protokoll. „Wenn Konsumenten und Landwirte gemeinsame Sache machen, fordert das die tradierten Modelle von Eigentum und Konsum heraus“, sagt Annette Piorr.

 „Außerdem wird dabei Wissen weiter gegeben.“ So erfahren die Mitglieder etwa, dass regionale Ernährung je nach Saison mit einem Verzicht auf bestimmte Gemüsesorten einhergeht. Sie lernen aber auch, dass der Anbau heimischer Sorten mehr Abwechslung auf den Teller bringen kann: Hierzulande gedeihen im Winter Pastinaken, Petersilienwurzeln und Topinambur. Daneben kann man Rote Bete und verschiedene Kohlsorten bis zum Frost ernten und im Winter gut einlagern. Neben Produktvielfalt spielen für Verbraucherinnen und Verbraucher natürlich auch Kosten eine Rolle: „Regional und ökologisch erzeugte Lebensmittel gelten als Produkte, die sich vor allem einkommensstärkere und gut ausgebildete Menschen leisten können und wollen“, so Piorr. Viele Betriebe produzieren möglichst nachhaltig, was häufig zu höheren Preisen führt – und nicht alle sind bereit, diese zu bezahlen. Doch hier beginnt ein Umdenken: „Gesunde und regionale Ernährung liegt im Trend und viele wollen wissen, woher ihre Lebensmittel kommen“, sagt Annette Piorr.

Das zeigt auch die Ernährungsstrategie für Berlin, die die Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung gerade erarbeitet: Gesundheitsvorsorge und regionale Lebensmittel sollen künftig in öffentlichen Cafeterien und Mensen eine größere Rolle spielen. Dadurch entsteht eine neue Marktsituation. Denn dank der großen Abnahmemengen der vielen städtischen und öffentlichen Einrichtungen können Bäuerinnen und Bauern aus der Region anders kalkulieren. In diesem Zusammenhang können die Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt „FuFoCo“ zur Anwendung kommen. „In Befragungen mit zehn Fachleuten auf dem Gebiet der Solidarischen Landwirtschaft haben wir ermittelt, welche Faktoren wichtig sind, um Kleinbetriebe in Stadtnähe wirtschaftlich zu stabilisieren“, sagt Annette Piorr. Das tut not, denn für manche Solawi-Betriebe sind die wirtschaftlichen Risiken bisher zu groß: Nicht alle können ihre Kosten aus den Mitgliedsbeiträgen decken. Piorrs Team stellte fest, dass mehrjährige Verträge helfen können. Denn lange Laufzeiten versprechen finanzielle Sicherheit. Durch sie ist es möglich, besser zu planen und verlässlich zu liefern. Um die wirtschaftlichen Risiken zu mindern, spielen auch Zugangsrechte zu Land eine entscheidende Rolle. Ließe sich die Versorgung mit regionalen Lebensmitteln fördern, wenn neben Geld und Ernte auch die Eigentumsrechte an  Acker- und Weideland mit engagierten Konsumentinnen und Konsumenten geteilt würden? Da die Grundstückspreise insbesondere in Stadtnähe in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind, könnte das eine Lösung sein.

Antworten auf diese Frage sollen weitere Forschungsprojekte bringen. In jedem Fall gehen Verbraucherinnen und Verbraucher bewusster und nachhaltiger mit Lebensmitteln um, je mehr sie über ihren Anbau und über die Arbeit der Bäuerinnen und Bauern wissen. „Uns ist aufgefallen, wie wichtig es ist, dass sich Menschen stärker mit ihren Nahrungsmitteln beschäftigen“, sagt Annette Piorr. „Dadurch erfahren die Konsumentinnen und Konsumenten, dass Landwirtschaft gutes Management braucht, und schätzen die bäuerliche Arbeit wert.“
(Von Stephanie Eichler)

Den ausführlichen Beitrag können Sie im Magazin forschungsfelder des BMEL nachlesen: Heft 1/2019

 

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