Befehle des Menübands überspringen
Zum Hauptinhalt wechseln
Suche
Breadcrumb Navigation

Landwirtschaft im Wetterchaos

Hauptinhalt der Seite

Lesen als PDFnew tab icon

Wetterextreme nehmen weiter zu. Heiße, fast niederschlagsfreie Sommer wechseln sich mit ungewöhnlich starken Regenfällen ab. Hagel, Sturm, neue Schädlinge und Krankheiten vernichten ganze Ernten. Weltweit versucht die Landwirtschaft sich an die veränderten Klimaverhältnisse anzupassen. Eine europaweite Untersuchung zeigt jetzt: Mehr Vielfalt auf den Feldern kann schützen ‒ und sogar Erträge steigern.

Welche verheerenden Folgen der Klimawandel auf die Landwirtschaft haben kann, weiß der Agrarforscher Dr. Ahmad Hamidov aus seiner Heimat Usbekistan. Hier wird ein Großteil der Felder intensiv bewässert. Seit Jahrzehnten kämpft dort die Landwirtschaft deshalb nicht nur mit sinkenden Pegelständen von Seen und Flüssen, sondern auch mit versalzenden Böden. Mit steigenden Temperaturen verschärft sich das Problem. Denn je mehr Wasser verdunstet, desto mehr Salz bleibt in den oberen Bodenschichten zurück. Um dem Boden nicht weiter zu schaden, muss sich mit neuen Anbaumethoden an die veränderten
Klimabedingungen angepasst werden. Nicht nur in Usbekistan, sondern überall auf der Welt.

Am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V. erforscht Hamidov die Folgen dieser Anpassung mit Fokus auf die europäische Landwirtschaft, denn auch hier spitzen sich die Auswirkungen des Klimawandels in den letzten Jahren weiter zu. Im Mittelpunkt seiner von der EU und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung im Projekt MACSUR geförderten Forschung steht dabei immer der Boden. Wie wirkt es sich aus, wenn Betriebe ihre Felder anders bearbeiten und bepflanzen, um ihre Ernten zu sichern? »Dazu wissen wir bisher noch sehr wenig«, erklärt Hamidov. »Die Wissenschaft schaut verstärkt auf die direkten Folgen des Klimawandels, wie vermehrte Bodenerosion oder Trockenheit. Aber die indirekten Folgen, die durch eine veränderte Nutzung entstehen, wurden bisher kaum beachtet.«

Dabei seien gerade jene Prozesse entscheidend für unsere Zukunft, meint Hamidov. Es geht um die Ernährungssicherheit von bald neun Milliarden Menschen. Und um die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die bis zum Jahr 2030 u. a. den Hunger beenden, den Klimawandel bekämpfen, die natürlichen Ressourcen erhalten und die Verschlechterung der Bodenfruchtbarkeit stoppen sollen. Ohne ein vernünftiges Bodenmanagement sind diese Ziele kaum zu erreichen.

Keine Patentlösung

Hamidov analysiert mit seinem Team die Forschungsergebnisse von 20 verschiedenen Studien aus ganz Europa, um herauszufinden, welche Strategien der Anpassung an den Klimawandel sich positiv auf den Boden auswirken und welche eher schaden. Ein gesunder Boden reinigt Wasser, speichert Nährstoffe, ist Lebensraum und Genpool, liefert Nahrung, Rohstoffe und Biomasse. Auch als Klimaschützer tritt er in Aktion, indem er Unmengen an organischem Kohlenstoff als Humus speichert. Ist das empfindliche Bodengefüge gestört – etwa durch Versalzung, Erosion oder Verdichtung – sind all diese Funktionen beeinträchtigt. Die ausgewerteten Studien reichen von Italien bis Norwegen, von Spanien bis Rumänien. Sie zeigen ein diverses Bild. In Skandinavien ist das Klima generell feuchter, im Süden Europas trockener. Entsprechend unterschiedlich sind die jeweiligen Herausforderungen – und die erforderlichen Anpassungsstrategien.

Zudem treffen die Klimamodelle für die einzelnen Regionen unterschiedliche Vorhersagen. Während im nördlichen Europa noch mehr Niederschlag erwartet wird, wird es im Süden noch trockener. Die skandinavischen Betriebe werden ihre Böden mit Drainagen trockenlegen müssen, die spanischen oder griechischen Landwirtinnen und Landwirte werden mehr bewässern oder auf trockenresistente Pflanzen angewiesen sein. In einigen Gegenden wird es für die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele und der Verbesserung der Bodengesundheit notwendig, Ackerland in Grünland umzuwandeln. Auch das Düngen der Kulturen und die Bearbeitung des Bodens müssen individuell angepasst werden. »Es gibt keine Patentlösung«, betont Hamidov.

Die Vielfalt macht's

Doch so unterschiedlich die Auswirkungen des Klimas auf die Landwirtschaft  in Europa auch sein werden – die Analysen zeigen deutlich, dass vor allem jene Anpassungsstrategien Erfolg versprechen, die auf veränderte Fruchtfolgen und
neue Feldfrüchte setzen. Jene Betriebe, die mehr Vielfalt auf ihre Felder bringen, streuen das Risiko für Ausfälle und unterdrücken Krankheiten. Vielfalt macht die Systeme widerstandsfähiger.

In Brandenburg ist die Sojabohne so eine neue Fruchtart, die nach und nach ihren Weg auf die heimischen Felder findet. »Es ist eine ganz neue, vielversprechende Kultur, die hier aufgrund des Klimawandels zunehmend günstige Bedingungen vorfindet.«, sagt Hamidov. Mit ihrem tiefreichenden Wurzelsystem kann sie Wasser- und Nährstoffressourcen erschließen, die für andere Pflanzen unerreichbar sind. Zudem nutzt die Pflanze über eine Symbiose mit Knöllchenbakterien Stickstoff aus der Luft. Beides macht die Sojabohne für die Landwirtschaft immer attraktiver, zumal die Nachfrage nach der eiweißreichen Hülsenfrucht groß ist. Andere Leguminosen wie Bohnen, Wicken oder Lupinen haben ähnliche Eigenschaften, können bislang aber schlechter vermarktet werden.

Auch der Faserhanf könnte eine Pflanze der Zukunft sein. Unter den Nutzpflanzen ist er ein wahrer Alleskönner. Schon heute kommt die Naturfaser als Dämmmaterial zum Einsatz. Die Samen liefern ein wertvolles Öl für die Kosmetik- und Nahrungsmittelbranche. Und er besitzt »ein wundervolles Wurzelsystem«, schwärmt Hamidov.

Erstmaliger Überblick

In seiner Meta-Studie führte das ZALF-Team um Hamidov das Wissen unterschiedlicher Untersuchungen zusammen und gibt erstmals einen Überblick über die Folgen einer angepassten Landwirtschaft in Europa. In den kommenden Jahren wird es nun darum gehen, gemeinsam mit Entscheidungsträgern Strategien und neue Wertschöpfungsketten zu entwickeln. Die Betriebe sollen bestmöglich unterstützt werden, um gut gegen den Klimawandel gewappnet zu sein und gleichzeitig die Böden zu schützen. »Dazu sind die meisten auch bereit«, weiß Hamidov. Auch auf der Forschungsseite gibt es noch viel zu tun, denn nicht alle Geheimnisse des Bodens sind schon gelüftet. So wisse man bisher noch zu wenig über seine Biodiversität. In ihm tummeln sich nicht nur Regenwürmer und Maulwürfe, sondern jeden Kubikzentimeter bevölkern auch Abermillionen Bakterien, Pilzen und Mikroorganismen. Sie entscheiden maßgeblich darüber, wie gesund und produktiv ein Boden ist. Doch wie genau, ist noch weitgehend unverstanden. Business as usual – soviel ist für Hamidov klar – ist im Angesicht des Klimawandels jedenfalls keine Option. Denn eine angepasste Landwirtschaft ist nicht nur notwendig, um künftig Verluste in der Nahrungsmittelproduktion zu verhindern. »Eine erfolgreiche Anpassung«, stellt er klar, »hat sogar das Potenzial, die landwirtschaftliche Produktion zu steigern.«

Fusszeile der Seite
YouTube
Twitter
Facebook
© Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V. Müncheberg