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Interessiert mich doch die Bohne

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​​Hülsenfrüchte, wie Lupinen, Erbsen oder Bohnen liefern hochwertiges Eiweiß für die Ernährung von Mensch und Tier. Ihr Anbau unterstützt den Humusaufbau, erhöht die biologische Vielfalt in Agrarlandschaften und kann Treibhausgase reduzieren. Trotzdem werden sie europaweit nur auf etwa 1,7 Prozent der Ackerfläche angebaut. Forschende vom ZALF in Brandenburg wollen dies ändern und die Hülsenfrüchte zurück auf heimische Felder holen.

Schon im Mittelalter wussten die Menschen, wie sie ihren Acker fruchtbar halten können: Mit dem Anbau verschiedener Feldfrüchte im Wechsel erzielten sie langfristig stabilere Erträge. Dieses Wissen scheint im Zeitalter des hochspezialisierten Anbaus überholt. Lukrative Feldfrüchte wie Raps, Mais, Weizen und Gerste dominieren Europas Ackerflächen und haben auch Hülsenfrüchte wie Erbse, Ackerbohne und Lupine fast vollständig verdrängt. Diese ertragsorientierte Spezialisierung in der Landwirtschaft blieb jedoch nicht ohne Auswirkungen auf die Umwelt. In der Europäischen Union sind fast zwei Drittel aller natürlichen Lebensräume überdüngt, mit Folgen u. a. für die Biodiversität und Gewässerqualität. Der intensive Einsatz von künstlichem Stickstoffdünger ist eine der Hauptursachen für die Entstehung von Lachgas im Boden. In die Atmosphäre freigesetzt, ist Lachgas etwa 300-mal klimaschädlicher als Kohlenstoffdioxid. Die Probleme beschränken sich aber nicht nur auf Europa. In den Trögen unserer heimischen Rinder, Schweine und Hühner wird bis zu 70 Prozent Eiweißergänzungsfutter aus den USA und Lateinamerika verfüttert. Mehr als eine Million Hektar Regenwald wurden dafür bisher abgeholzt. »Diesen Problemen können wir entgegenwirken, indem wir wieder verstärkt Hülsenfrüchte auf unseren heimischen Feldern anbauen«, sind sich Wissenschaftler des Instituts für Landnutzungssysteme am ZALF sicher. Die Diplom-Agraringenieure Dr. Johann Bachinger und Moritz Reckling untersuchen seit Jahren das Potenzial von Lupine, Erbse, Sojabohne und Co.

 

Hülsenfrüchte sind Multitalente

»Vor 25 Jahren habe ich das erste Mal Lupinen auf dem Versuchsfeld des ZALF direkt vor der Haustür unseres Instituts angebaut«, erzählt Bachinger. Seitdem beschäftigt er sich in nationalen und europäischen Forschungsprojekten mit dem Anbau von Hülsenfrüchten. Moritz Reckling arbeitet seit 2011 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZALF und teilt die Leidenschaft seines Kollegen: »Hülsenfrüchte sind wahre Multitalente«, erzählt er. »Als sogenannte Tiefwurzler verbessern sie den Boden, ihre Blüten bieten Nahrung für Bienen und sie liefern wertvolles Eiweiß.« Sie wirken darüber hinaus positiv auf das Klima: »Dank einer genialen Symbiose können Hülsenfrüchte Stickstoff aus der Luft binden und so als natürliche Düngefabriken fungieren. Sie locken mit einem Botenstoff Bakterien an, die sich in ihrem Wurzelhaar verfangen und zusammen mit der Pflanze kleine Knöllchen bilden. Diese Bakterien fixieren den Stickstoff aus der Atmosphäre und stellen ihn der Pflanze als Dünger zur Verfügung«, sagt Bachinger. Doch wie lassen sich diese positiven Effekte in einen mess- und kalkulierbaren Nutzen für die Landwirtschaft umsetzen? »Wir haben eine Machbarkeitsstudie für den Anbau von Hülsenfrüchten in fünf europäischen Regionen, u. a. in Brandenburg, Italien und Schottland, durchgeführt. Es zeigte sich, dass ihre Integration in die Abfolge der Feldfrüchte den Stickstoffdünger-Verbrauch um bis zu 38 Prozent reduziert, die Freisetzung von Lachgas um bis zu 33 Prozent. Beim Anbau von Klee-Gras Gemengen oder Luzerne, die wie die Hülsenfrüchte zur Pflanzenfamilie der Leguminosen zählen, sind noch mehr Einsparungen möglich. Der Verbrauch von Stickstoffdünger lässt sich so um bis zu 58 Prozent senken, die Lachgasemission um bis zu 52 Prozent«, so Reckling. Zahlen, die beeindrucken. 

Doch die Landwirtschaft zögert mit dem großflächigen Anbau. Erhöhter Krankheits- und Schädlingsbefall gelten u. a. als Risiken bei Hülsenfrüchten und sorgen für Ertragsschwankungen. »Unsere Forschungen haben jedoch gezeigt, dass die Schwankungen denen im Kartoffelanbau ähneln«, erklärt Bachinger. Um Risiken auszuräumen und die Wettbewerbsfähigkeit des Hülsenfruchtanbaus zu erhöhen, führen Forschende am ZALF fortlaufend Feldversuche durch. Ihr Ziel ist es, die ideale Anbauweise für die Hülsenfrüchte im Wechsel mit den anderen Feldfrüchten herauszufinden. Eine weitere Möglichkeit, die Planungssicherheit für die Landwirtschaft zu steigern, sehen die Forscher in der Pflanzenzucht. »Bei Weizen kommen jedes Jahr zahlreiche neue Sorten auf den Markt, bei Leguminosen gab es seit Jahren nur wenig Neues«, so Reckling. »Wir brauchen neue, robuste Sorten, die gegen Pilzbefall und Krankheiten widerstandsfähig sind, die Trockenheit aushalten und die Folgen des Klimawandels besser verkraften.« Ein weiteres Hemmnis ist den Wissenschaftlern zufolge logistischer Natur: »In den meisten der untersuchten Regionen Europas stehen die benötigten Infrastrukturen vor Ort nicht ausreichend zur Verfügung, um Hülsenfrüchte wirtschaftlich zu verwerten.« Durch die jahrzehntelange Fokussierung auf den Import von Eiweißpflanzen sind die benötigten Fabriken zur Weiterverarbeitung und Großabnehmer, wie Viehbetriebe, heute hauptsächlich in der Nähe von großen internationalen Häfen zu finden. »Bei Leguminosenarten wie Klee und Luzerne besteht dieses Problem jedoch nicht. Sie können direkt nach der Ernte als Tierfutter verwendet werden. Das machte sie in allen untersuchten Regionen sofort zu einer echten ökonomischen Alternative«, so Reckling.

 

Hülsenfrüchte erlangen mehr Aufmerksamkeit

»Trotz der Herausforderungen sprechen die Potenziale von Hülsenfrüchten und Leguminosen für sich«, sind sich die Forscher einig. Dies erkennt auch zunehmend die Politik und reagiert. Um die Aufmerksamkeit auf die unterschätzten Feldfrüchte zu lenken, wurde das Jahr 2016 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Hülsenfrüchte erklärt. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat 2012 die Eiweißpflanzenstrategie auf den Weg gebracht, um heimische Leguminosen im wirtschaftlichen Wettbewerb zu stärken. Auch die Forscher am ZALF unterstützen aktiv ein Comeback der Hülsenfrüchte: »Zur Unterstützung der Landwirtschaft haben wir den Anbausystemplaner ›ROTOR‹ entwickelt. Mit ihm lassen sich u. a. Ertragserwartungen, Stickstoff - und Humusbilanzen und Unkrautvorkommen für den jeweiligen Standort berechnen«, erklärt Reckling. »Um die Praxisnähe unserer Ergebnisse zu gewährleisten, führen wir kontinuierlich Untersuchungen mit landwirtschaftlichen Betrieben hier in der Region durch.« Doch die Forscher beschreiten auch komplett neue Wege: »Seit vier Jahren bauen wir die wirtschaftlich interessanteste Art der Hülsenfrüchte, die Sojabohne, auf unseren Versuchsfeldern an. In warmen Gebieten, wie Brandenburg oder in Süddeutschland, erzielen wir schon jetzt beachtliche Ernteerfolge.« so Reckling. »Wir arbeiten gemeinsam mit der Praxis intensiv an einem Comeback der Hülsenfrüchte auf unseren heimischen Feldern«, blickt Bachinger optimistisch in die Zukunft . »Ihre Wiedereingliederung in die europäischen Agrarlandschaften könnte nicht nur zum nachhaltigeren Anbau beitragen, sondern auch die Abhängigkeit von Eiweißpflanzenimporten reduzieren.«​

 

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